Alle Jahre wieder: Infiziert vom Korsika-Bazillus – ein Bericht aus dem Rundbrief 2014

Januar 26, 2015 No Comments »

MonteGenova_PeterSchillingImmer im Mai ist es soweit: nur Hinfahren hilft. Unser Auto ist es schon gewohnt, zwei Personen und deren Drei-Wochen-Gepäck samt Fahrrädern in das nahezu 1.000 Fahrkilometer entfernte Calvi zum „Störrischen Esel“ zu bringen: die Schwäbische Alb, der Bodensee, die noch verschneiten Alpen, das heitere Lugano, die langweilige Po-Ebene und endlich Livorno. Seeluft, Italien bleibt zurück, die Insel Capraia wird passiert, Korsika kommt näher. Bastia, das Lotsenboot legt an, unterbricht unsere Vorfreude-Träume. Hinab in den Schiffsbauch, zum Auto durchwursteln, rumpelnd legt die Fähre an. Das Schiffstor öffne t sich , Personal winkt: zack-zack-raus! Polternd empfängt uns korsischer Boden, das pulsierende Bastia. Einfädeln in den Straßenverkehr (Achtung, hier fahren selbstbewusste Korsen!), kurvenreich hoch zur Bocca di Teghime. Dort in einer kleinen Parkbucht: anhalten, verschnaufen, Luft holen wir sind da! Ost und Westküste sind zu sehen, Macchia-Duft und Korsika-Feeling umschmeicheln uns. Der Bazillus. Zwei Stunden später sind wir dann nicht nur da, sondern auch angekommen. An der Rezeption empfängt uns Vertrautheit. Im „Störrischen Esel“ geht‘s lebendig zu. Es wird viel geboten: wandern, bergsteigen, klettern, Radfahren, Exkursionen, der Strand. Wer nichts tut, wird bald kugelrund. Denn die Entscheidung, auf was man beim Abendessen verzichtet, ist immer mit bedauerndem Seufzen verbunden. Indes, die Lebensjahre schaffen ihre eigenen Gesetze über das Mögliche, Sinnvolle und Verantwortbare. So entstand unser eigenes „Möglichkeitsprogramm“: lieber bergauf statt bergab gehen, die Fahrräder nutzen, Auto und Fahrrad kombinieren. Hier eine (unvollständige) Auswahl: Der Hausberg Capu di a Veta: ein Muss, auch wenn die Knochen murren. Er bietet im Mai blühende Macchia und die Pracht seiner Pankrazlilien. Die Fahrräder kann man gut nutzen: sie parken auf halber Höhe. Abwärts kann man entweder über die Straße nach Calvi oder sich bei einer Direktabfahrt über die Sandwege schon mal mit korsischen Gegebenheiten vertraut machen. Wer auf dem Hausberg ist, überblickt die Halbinsel Revellata in ihrer vollen Größe. Ein Mountainbike-Ziel bis zu ihrem westlichsten Punkt. Reifenmordend, anstrengend, lohnend.

Als reine Radtour: über die Westküstenstraße von Calvi zur Fangomündung. Man fährt immer auf der Meerseite, erblickt dann die beeindruckende Bergkette des zentralen Hochlandes mit Paglia Orba und Capu Tafunatu und hat als Rückweg die Tour de France-Strecke hinauf zur Bocca di u Marsulinu, 443 m. Kräftiges Schwitzen ist garantiert und man wird beim Abendessen auf nichts verzichten wollen. Die Legende sagt: wenn man von der Bocca ohne zu bremsen am Flughafen vorbei nach Calvi fährt, reicht der Schwung bis ins Feriendorf. Wir haben‘s lieber nicht probiert.

Die „zweimal und nie wieder“ Tour: der Monte Genova

Fährt man von Île Rousse nach St. Florent, kommt man durch die Stein und Macchia Wüste Desert des Agriates. Deren dominierende Berggestalt ist der Monte Genova, 421 m. Da muss man rauf! Wir meinten das gleich zweimal um letztlich obige Erkenntnis zu gewinnen. Man parkt in Casta, dann mit dem Mountainbike zunächst Richtung Saleccia. Später ein Abzweig in Richtung Monte Genova. Man verlässt die Sandstraße, wenn man meint, jetzt ist das richtig. Nun ist Entdecker Idealismus gefordert: die Räder in den Busch, Radkleidung runter, lange Hosen und Bergstiefel an. Zweckmäßig: Radhosen mit rotem Sitzpolster, die man „innen nach außen“ dreht und so ins Gelände hängt, dass man sie für die Rückweg-Orientierung sieht. Lebenserhaltend: ellen lange Stulpen handschuhe, Heckenschere, Verbandszeug und viel Wasser. Wegbeschreibung überflüssig. Man sieht, wo‘s lang geht: rauf in die Scharte zwischen den beiden Gipfeln. Dort Rucksackdepot (die klaut keiner), dann in einer Rinne mit sperrendem Klemmblock Richtung Gipfel. Unten durch robben, unschwierig weiter, oben ist zum höchsten Punkt noch etwas Kletterkunst gefordert. Das muss aber nicht sein, man fühlt sich auch so oben. Es sollen von hier die Westalpen zu sehen sein. Wir mussten uns das aber wetterbedingt einbilden. Was wir aber sahen, waren rote Radhosen-Sitzpolster, die man dann irgendwie wieder erreicht. Es ist dies für uns die korsischste aller korsischen Touren. Trotzdem ist es schön, sie gemacht zu haben.

Ein Highlight: Der Monte Grosso

Er überragt Calvi um mehr als 1.900 m, dominiert die ganze Bucht. Ihn von vorn durch das Schluchtengewirr von Calenzana aus anzugehen, ist wohl eine erbarmungslose Hitzeschlacht. Wir packten ihn von seiner Rückseite, natürlich wieder mit Benutzung der Räder. Auf das gehaltvolle Feriendorf-Frühstück muss man an diesem Tourentag verzichten, denn der Monte Grosso hat oft ab der Mittagszeit eine Wolkenhaube. Also noch bei Nacht über den Straßenpass Bocca di a Battaglia Richtung Tartagine. Die Straße kreuzt den Bach Melaja, der vom Monte Grosso kommt. Dort beginnt ein mit dem Mountainbike problemloser Forstweg, der im Zickzack Richtung Monte Grosso führt und bis auf die Höhe eines Wasserreservoirs gut ausgebaut ist. Von dort geht es auf normalem Waldweg bis etwa 1.240 m weiter mit dem Rad. Den steiler und steiniger werdenden Weg zu Fuß weiter, er endet in der Nähe einer Quelle. Hier beginnt ein schönes Almgelände. Von dort geht es rechts haltend den Hang hinauf zum Sattel Bocca di Pozzi, 1.723 m, von der aus man Calvi erblickt. Nun hat man noch etwas mehr als 200 Höhen meter wegloses Schrofengelände bis zum Südgipfel des Monte Grosso. Als wir das erste Mal hoch sind, haben wir am Übergang Sattel-Schrofen hang großflächig eine Zeitung drapiert, desgleichen am Übergang von der Gipfel-Hochfläche in diesen Hang. Man will ja wieder runter finden. Wir haben sie dann brav wieder mitgenommen. Die Gipfelhochfläche bietet außer zwei Erhebungen, jede 1.934 m hoch, nichts Besonderes. Aber der Blick auf die Bergwelt, in die Tiefe und auf die Bucht von Calvi und nach Île Rousse lohnt die Mühe. Und das Gefühl, wenn man in Calvi auf der Zitadelle steht und in Richtung Berg schaut, ist nun ein anderes. Beim Runterfahren ist man dann froh, wenn das Fahrrad gute und nicht zu kraftraubende Bremsen hat. Und auch nach dieser Tour wird man beim Abendessen auf nichts verzichten.

Zu unseren Touren und deren Planung gehören immer die hervorragenden französischen Karten IGN 1: 25 000 für das jeweilige Gebiet. Vielleicht haben diese mitgeholfen, dass wir bislang kein Abendessen im „Störrischen Esel“ versäumt haben. Das wäre auch zu schade gewesen.

Karin und Peter Schilling

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