Bsundrix – ein Bericht von Heide Moldaschl

Dezember 2, 2014 No Comments »

Heide_Moldaschl_1Sie kommen nicht aus Vorarlberg?

Dann wissen sie vielleicht nicht, was mit dem Wort „Bsundrix“ gemeint ist? „Bsundrix“  heißt „etwas ganz Besonderes“.

„Bsundrix“ ist zB ein besonders liebenswerter „Tante Emma Laden“ in Ile Rousse.

Sicher waren Sie in Ile Rousse schon einmal auf dem schönen Bauernmarkt, der jeden Tag unter einem kleinen „Säulentempel“ abgehalten wird. An dessen Stirnseite ist der erwähnte Laden: „Alimentation“ kann man an dem alten Gemäuer lesen. Draußen stehen einige Kisten mit schönem, frischem Obst. Wir gehen gemeinsam hinein: Betreten einen uralten, kleinen, dunklen Raum und sehen eine Vitrine mit etwas Käse und Wurst. Auch sehen wir einen Holztisch mit einer uralten Waage und einer großen Schublade, einige Waren auf ein paar Brettern, ansonsten hauptsächlich Schachteln auf dem Boden. Das Warensortiment ist erstaunlich reichhaltig: Weine, Spirituosen, Öle, Honig, Charcuterie (Wurstaufschnitt), Käse, Obst, Waschmittel und und und.

Aber „bsundrix“ sind besonders die Verkäuferinnen: manchmal zwei, meist nur eine, bekleidet mit einer alten Mantelschürze, gefühlte 100 Jahre alt. Sie denken, das ist übertrieben? Na ja, ein bisschen schon, aber nicht viel. Ich kaufe meinen geliebten Muscatwein – es gibt dort den absolut besten (- er heißt übrigens „Rayon du soleil“- Sonnenstrahl) und ein leckeres Stück „Lonzo“, einen luftgetrockneten korsischen Schinken. Als ich bezahle, wandert das Geld in die erwähnte Holzschublade – einfach so, alles wild durcheinander – Papiergeld und Münzen. Fächer? – Fehlanzeige! Ich komme mit der liebenswerten alten Dame ins Gespräch, ich kenne sie ja schon einige Jahre. „Sie sind sicher schon lange in Ihrem Geschäft“, rede ich sie an. „Seit 1940“ antwortet sie. Jetzt rechnen Sie mal selbst nach, dann werden Sie erkennen, dass 100 Jahre wirklich nicht sehr übertrieben sind. Sie erzählt mir noch ein bisschen von „alten Zeiten“ und dass die Zeiten gefährlicher geworden sind, dass man sehr aufpassen muss. Ich versichere ihr, wie gerne wir immer in ihr Geschäft kommen und dass wir hoffen, sie noch lange hier zu sehen.

Als wir uns verabschieden, sehe ich beim Hinausgehen noch „bsundrige“ Früchte. Beim genaueren Hinschauen entdecke ich, dass es Kirschen sind, aber fast so groß wie Pflaumen. „Tante Emma“ ist sehr erstaunt, als ich ihr alle abkaufe. (Ich sterbe fast für Kirschen). Sie kosten fast mehr als der ganze Schinken, aber das ist mir egal. Ich habe ihr und mir eine große Freude gemacht. Wenn Sie also das nächste Mal in Ile Rousse auf dem Markt sind, statten Sie unbedingt diesem „bsundrigen“ Laden einen Besuch ab. Lassen Sie sich aber nicht zu viel Zeit, denn Sie wissen ja, „gefühlte 100 Jahre“. Vielleicht sehen wir uns dort per Zufall?

Ihre
Heide Moldaschl, Reisebegleiterin

Heide_Moldaschl

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