Der Esel, der nicht störrisch war – ein Bericht aus dem Rundbrief 2014

Januar 26, 2015 No Comments »

RenateJaeger

Ende Juni lief mein Leben auf Volldampf. Die letzten Schulwochen waren wie immer sehr intensiv mit Matura und anderen Prüfungen, Eltern- und Schülergesprächen, und zusätzlich bereitete ich noch nebenher den Umzug in eine neue Wohnung vor. Irgendwann beschloss ich, dass ich nach Schulschluss und Umzug mal verschwinden sollte, um die Alltagsfragen hinter mir lassen zu können. Ich wollte in den Süden, stieß bei meiner Internetrecherche auf Korsika, und bald auf den Störrischen Esel. Als Vorarlbergerin kennt man diesen Namen natürlich, da scheinbar alle schon mal dort waren. Nun, ich war noch nie dort, war aber bald vom Angebot überzeugt, und beschloss mutig, zum ersten Mal in meinem Leben ganz alleine zu verreisen, ohne am Ziel irgendjemanden zu kennen. Ich hatte ein gutes Gefühl bei der Sache.

Die Anreise verlief problemlos und völlig entspannt. Um eins stieg ich in Bregenz in den Bus, um fünf war ich in meinem Bungalow. So gemütlich war ich das Reisen nicht gewohnt. Der Empfang war freundlich und ich merkte gleich, hier bin ich richtig. Am nächsten Morgen holte ich mir Frühstück und setzte mich auf die Terrasse. Zwei Tische weiter saß auch eine Frau alleine, und als ich sie anschaute, erkannte ich sie gleich: Es war meine Studienfreundin Maria, mit der ich in Innsbruck zwei Jahre eine Wohnung geteilt hatte, von 1981 bis 1983. In den vergangenen dreißig Jahren haben wir uns nicht oft gesehen. Ich zog zuerst nach Wien, dann in die USA, dann wieder zurück nach Vorarlberg, sie lebte in Oberösterreich mit ihrem Mann und ihren Kindern. Manchmal trafen wir uns, manchmal schrieben wir Briefe, manchmal telefonierten wir, aber der Kontakt war locker. Mir war schon bekannt, dass sie immer wieder im Esel auf Besuch war, ich war aber über ihre Reisepläne nicht informiert und hatte ihr auch nichts davon gesagt, dass ich hier sein würde. Und nun saß sie vor mir. Ich nahm mein Frühstück, ging auf sie zu und sagte: „Hallo Maria“. Sie schaute mich verwundert an und erkannte mich im ersten Moment nicht. Umso größer war dann das Hallo, als wir uns umarmten. Wir setzten uns, und es war sofort wieder wie damals. Wir redeten und erzählten, die alte Vertrautheit war sofort wieder da, wir konnten miteinander Themen besprechen auf eine Art und Weise, die uns beiden viel Einsicht und Geborgenheit brachte. Bei dreißig Jahren Leben in der Zwischenzeit gab es ja auch viel zu berichten, zu reflektieren, einzuordnen. Und natürlich kam auch der Wein nicht zu kurz. Der gute Hauswein beflügelte unsere Gespräche, unsere Erinnerungen, unsere momentanen Erlebnisse.

Ein schöner Aspekt war auch, dass wir beide nicht den ganzen Tag miteinander verbringen wollten. Sie kannte vieles schon, ich als Neuankömmling wollte Korsika auf meine eigene Art erkunden. Das Liegen und Gehen am Strand war entspannend, aber nach zwei Stunden auch schon wieder genug. Ich nahm an der Küstenwanderung und an der Wanderung in den Wald von Bonifato teil, bei denen ich von der Schönheit Korsikas einen ersten Eindruck gewann. Sehr eindrücklich war die Busfahrt nach Corte, gefolgt von der Zugsfahrt nach Vizzanova und der anschließen Wanderung zu den Englischen Wasserfällen. Dort oben war es im sehr grünen und frischen Wald für mich überraschend kühl, sodass ich meine Jacke anziehen musste. Auch die Rückfahrt mit dem Bus, unterlegt mit korsischer Musik, war ein Augenund Ohrenschmaus.

Am Morgen meines letzten Tages wurde mir ganz bewusst, dass sich diese Woche im Störrischen Esel für mich als wunderbare Bereicherung entwickelt hatte. Durch meinen Mut, alleine zu verreisen, hatte ich eine schöne Insel kennen gelernt, einige sehr angenehme Menschen getroffen, und vor allem die alte Freundschaft zu Maria wieder beleben können. Diese Woche wird mir stets in guter Erinnerung bleiben. Für jede und jeden ist ein Urlaub im Störrischen Esel anders, aber die Chance, dass er gut wird, ist hoch. Der Esel ist gar nicht so störrisch.

Renate Jäger

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