Einmal Korsika retour

Januar 14, 2009 No Comments »

Am 26/27. Mai 2004 bot das Feriendorf „Zum störrischen Esel“ wieder einmal eine Zweitages-Bergtour vom Feinsten an, nämlich auf den Pic von Cube und den Monte Cinto. Nach Einnahme des wie üblich opulenten Frühstücks ging es unter Mitnahme einer Gasflasche, des Hüttenschlüssels, einigen Ersatz-Skistöcken und reichlich Proviant mit einem Kleinbus von Calvi nach Hoch-Asko (1422 m). Die kleine Bergsteigergruppe richtete sich unter der bewährten Führung von Hans-Jörg sofort in der zum „Dorf“ gehörenden Hütte häuslich ein.


Nachdem man alles für den Abend und die Nacht vorbereitet hatte, konnte der Aufstieg auf den Pic von Cube unter die Füße genommen werden. Es stellte sich allerdings sehr bald heraus, dass der bunt gemischte Haufen – von der Hauptschullehrerin bis zur Hausfrau und Hotelmanager und Rentner – den gestellten Anforderungen durchaus gewachsen war.

An den zum Teil jahrhundertealten Lariccio-Kiefern vorbei gewann man sehr schnell an Höhe. Die konditionsstarke und trittsichere Achtergruppe war sich aber nicht sicher, ob Hans-Jörg auf Grund des noch reichlich vorhandenen Schnees – dieses Frühjahr fiel so viel Schnee wie schon lange nicht mehr – die richtige Aufstiegsspur finden würde. Nachdem nämlich vereinzelte Schneefelder zu einigen komplizierten Umgehungen gezwungen hatten, erreichte man die ca. 10 m – sehr steile – Abstiegsrinne. Gesichert durch ein Seil für die Psyche war dieses Hindernis kurz vor dem Gipfel relativ schnell überwunden. Leider zwang uns eine Schneewechte kurz vor dem höchsten Punkt, nach etwa zwei Stunden Aufstieg uns mit einem gleich hohen Nebengipfel des Pic von Cube zu begnügen. Trotzdem wohlgelaunt und nach einem ausgiebigen Blick auf die umliegenden „Picos und Puntas“ treten wir den noch einige Konzentration erfordernden Abstieg an. Gut wieder an der Hütte angelangt, machten wir uns nach einigen Minuten über die mitgebrachten Trink- und Essvorräte her: dass Rotwein, Kaffee und Tee, korsischer Schinken, Wurst und Käse allen nach vollbrachter „Tat“ hervorragend schmeckte, konnte man an den zufriedenen Gesichtern ablesen. Den Abend ausklingen ließen wir im gegenüberliegenden Hotel mit einem Glas „Pietra“ (d.i. Kastanienbier!) oder einer Panache (Radler) und angeregten Gesprächen über weiß nicht was. Da wir aber für den Angriff auf den Monte Cinto am nächsten Tag gut ausgeruht sein wollten, zogen wir uns frühzeitig (22 Uhr!) auf unsere Schlaflager zurück.

Kurz nach dem Morgengrauen und nach 8 Stunden in wohltuender Ruhe konnte sich jeder nach eigenem Geschmack an Süßem (Honig, Marmelade & Co) oder Deftigem (Käse, Wurst) die benötigte Kraft für die bevorstehende Tour anfüttern. Ein Eichelhäher schaute uns dabei – offensichtlich recht neidisch – zu. Die gerade am Horizont rotleuchtend aufgehende Sonne wurde leider nach kurzer Zeit von einem dicken Wolkenband verschluckt, konnte aber trotzdem von einigen „Zuschauern“ noch schnell auf Film gebannt werden.


Nach Absperren der Hütte und bestens ausgerüstet marschierten wir kurz vor sieben Uhr los. Obwohl wir bald darauf einige Regentropfen verspürten, entschlossen wir uns zunächst einmal weiter zu gehen. Dadurch kamen wir in den seltenen Genuss, in ca. 100 m Entfernung vier äußerst schöne Mufflonweibchen, geschickt über die Felsen springend, bewundern zu dürfen.
Nachdem wir die Brücke über einen reißenden, schneewassergespeisten Nebenbach des Asco überquert hatten, waren heilfroh, dass es aufgehört hatte zu tröpfeln. Es wäre nämlich keineswegs ratsam gewesen, die teilweise sehr glatten und von Flechten durchsetzten Felspassagen in Angriff zu nehmen. Nach zwei Stunden durch Fels und Schotter erreichten wir ein 2100 m ein Hochplateau. Neu gestärkt durch Obst und Getränke entschloss sich Hans-Jörg, mit uns eine schon ältere Spur durch den von Saharasand durchsetzten Schnee auf den Cintograd zu folgen. Da unter dem Schnee jedoch immer öfter Eis zum Vorschein kam, entschlossen wir uns zu Recht, uns mit der Pinta des Eboulus (2607 m) zu begnügen, zumal ja auch noch der recht anspruchsvolle Abstieg zu bewerkstelligen war. Weiter unten, in harmloserem Gelände, wollten drei von  uns zusammen mit Hans-Jörg auf einer anderen Route dennoch den Gipfelanstieg wagen. Sie kehrten aber bald wieder um, da die Verhältnisse auch hier keineswegs besser waren. So beschlossen wir – wieder zu Neunt vereint – wenigstens über den Lac d’Argentu (Silbersee) und die Bocca Borba (2207 m) den auf gleichem Weg liegenden Capu Borba (2305 m) noch mitzunehmen. Zwar habe ich selten eine solche Anhäufung von Geröll gesehen, aber der Rundblick vom Gipfel auf Monte Cinto, Punta Minuta, Capu Largia, Muvrella und weitere Gipfel entschädigte für Vieles.

Nach einigen Abfahrten über die inzwischen weich gewordenen Schneefelder mit dem Rucksack oder auch auf dem Hosenboden hieß es, die müden Knochen noch einmal zu mobilisieren, um auch noch den restlichen Abstieg bis zu Hütte ohne Blessuren zu überstehen. Unverletzt und glücklich zurück vertilgten wir die noch vorhandenen Proviantreste, hinterließen eine saubere und versperrte Unterkunft und warteten auf unseren Kleinbus. Der kam dann auch rechtzeitig und brachte uns allen wieder zum „Störrischen Esel“ zurück. Wir alle waren uns einig, zwei herrliche Tage in den Bergen geschafft zu haben, ohne unsere eigentlichen, vorgesehenen Ziele erreicht zu haben.

Josef Willer – Garmisch-Partenkirchen

Leave a Reply