„Bisous Luxembourgeois“ auf dem Hausberg

November 25, 2008 No Comments »

Die Geschichte eines Ersttages auf Korsika
 
Sonntag, 20. April 2008 – an diesem Datum sperrt der „Stoerrische Esel“ fuer seine Gaeste auf, und die ersten Rhomberg-Reisen-Charterfluege aus Oesterreich und Deutschland landen in Calvi. Ein herrlicher Fruehlingstag, nicht nur auf Korsika, sondern auch in Wien. Durch die Fensterfront des Flughafengebaeudes bewundere ich den Sonnenaufgang (es ist 6 Uhr morgens, Ferienflugtermine nehmen oft keine Ruecksicht auf normale Schlafenszeiten!), und eine halbe Stunde spaeter, beim Einsteigen in die AUA-Maschine, gibt es einen seltenen, herrlich klaren Blick von der Flugpiste auf die Norischen Alpen – Schneeberg und Rax. Mitte April ist nicht gerade eine starke Urlaubssaison, die Sitzplätze sind eher schütter belegt, und so landet das Flugzeug in Salzburg zwischen, um auch dort Gaeste fuer den „Esel“ aufzunehmen.
 
Was ansonsten eine laestige Verzoegerung wäre, erweist sich an diesem 20. April als ein Bonus: ein Panoramaflug mit hervorragender Weitsicht und dunstfreier Luft, ein Bilderbuchanflug auf Salzburg, eine Alpenkulisse mit verschneiten Berggipfeln, eine sattgruene Po-Ebene, und das sonnenglitzernde Mittelmeer.
 
Noch verschneit sind auch die Bergspitzen des korsischen Hochgebirges, die man bei der Landung in Calvi gut sehen kann. Das Wetter ist ebensogut wie in Wien, und das vorwiegend vorarlbergische Empfangskomitee steht schon zur Begruessung bereit. Nach kurzer Busfahrt bin ich im „Stoerrischen Esel“ eingelangt, beziehe meinen kleinen Bungalow (Nr. B 45) und mache mich mit meinen Nachbarn bekannt, einem aelteren Ehepaar aus der Bregenzerwaldgemeinde Egg, das schon zum wiederholten Male auf Korsika seine Ferien verbringt und ueber die fuenfzigjaehrige Geschichte des „Stoerrischen Esels“ gut Bescheid weiss, von seinen Anfaengen unter den Fittichen der Dornbirner Alpenvereinssektion bis hin zur Anekdote, wie das Feriendorf zu seinem charmanten Namen kam.
 
Ein kurzer Einfuehrungsvortrag fuer die neuangekommenen Gaeste in der Bar „U Spelunca“, ein paar Worte mit dem Bergfuehrer des „Esels“, dem Bludenzer Hansjoerg Klotz, gewechselt, und dann ein Blick auf die Uhr: 12.30 Uhr, was anfangen mit dem Rest des Tages? Eine Ausfahrt mit dem Mountainbike, allein und auf mir noch unvertrautem Gelaende? Nein, nach einem schlimmen Unfall drei Jahre zuvor sind mir diese Sportgeraete zudem nicht mehr ganz geheuer. Ein Spaziergang am Sandstrand die Bucht entlang, bis zum Yachthafen und der Altstadt von Calvi, wo angeblich Christoph Kolumbus das Licht der Welt erblickt haben soll? Nicht unbedingt an einem Sonntag, und nicht bei solch schoenem Wetter – fuer eine Besichtigung Calvis ist noch die ganze naechste Woche Zeit.
 
Aber es gibt ja den „Hausberg“, den 703 Meter hohen Capu di a Veta, dessen Gipfelkreuz man von dem Platz vor der „U Spelunca“ mit scharfem Auge gerade noch erkennen kann! Der Korsikafuehrer im Reisegepaeck behauptet, der Wanderweg zum Gipfel beginne direkt beim „Stoerrischen Esel“, und man werde mit einem phantastischen Rundblick belohnt!
 
Ja, das sei korrekt, bestaetigt Hansjoerg Klotz und ueberreicht mir eine hektographierte, selbstgezeichnete Wanderkarte, auf der sogar zwei verschiedene Routen eingezeichnet (und kommentiert) sind – eine Rundwanderung also, noch besser! Die suedlichere Route fuehre durch den Wildwuchs der Macchia (oder, wie es in Frankreich heisst, den „Maquis“), vorbei an der Doderer-Quelle (nach dem „Esel“-Mitbegruender und Dornbirner Alpenvereinsobmann Willi Doderer benannt), die noerdlichere Route gehe den Berg frontal an, sei steinig und steil. Vor ein paar Tagen habe es aber eine unerwartete Komplikation gegeben: Als Hansjoerg die Macchia-Route begehen wollte, stand an der Abzweigung am Ende der Fahrstrasse ploetzlich ein Mann vor ihm, der behauptete, er sei der neue Eigentuemer des Grundstuecks, durch den der Anfang des Wegs verlaeuft, und er lasse keine Wanderer mehr passieren.
 
Mit einer gesunden Portion Verachtung gegenueber aufgeblasenen popanzen und angemassten Autoritaeten ausgestattet, beschliesse ich, mir das Wegerecht nicht nehmen zu lassen, schnuere meine Wanderschuhe und breche auf. Vorbei an einem Wassergraben, in dem die Froesche quaken, erreiche ich bald die bewusste Stelle – von dem selbsternannten Wegevogt und Wachhund allerdings ist gottlob nichts zu sehen! Dafuer hat sich mir aber ein richtiger Hund angeschlossen, gross, schwarz und mit offenbar freundlichem Wesen – wie ich spaeter erfahre,  begleitet er regelmaessig Wanderer zum Gipfel und heisst daher bereits der „Hausberghund“. Mir ist allerdings nicht nach einem vierbeinigen Gefaehrten, und der Befehlston in meiner Stimme zeigt Wirkung – der Hund bleibt zurueck.
 
Es geht also bergan, auf manchmal einfach, manchmal schwierig erkennbarem Pfad durch wild wucherndes Gebuesch. Insekten summen, und zahllose Eidechsen huschen ueber die Steine. Ginster, Myrte, Mastix, verkrueppelte Steineichen, Mimosen und Wacholder ragen mannshoch empor; Steinbrech, Knabenkraut, Pankrazlilien und Fingerhut bluehen; Schopflavendel, Rosmarin, Mittelmeerstrohblume und die leitmotivischen Zistrosen duften um die Wette. „Ich wuerde meine Insel mit geschlossenen Augen erkennen“, soll Napoleon Bonaparte ueber seine korsische Heimat gesagt haben. In der Tat: Im Fruehling riecht es in der kuestennahen Landschaft wie im Parfuemladen!
 
Granitfelsen mit bizarren Verwitterungsformen saeumen den Weg, die Vegetation duennt mit zunehmender Hoehe zusehends aus, auf einem kleinen Plateau unterhalb des Gipfels verschnaufe ich ein wenig, und nach knapp zwei Stunden Gehzeit ist es geschafft: Gipfelsieg! Der Reisefuehrer hat nicht gelogen: Das Panorama ist ueberwaeltigend! Die Festung  von Calvi, vor 500 Jahren von den Genuesern erbaut, die mondsichelfoermig geschwungene, weite Bucht, und die Kuestenlinie, die sich im Norden beim Cap Corse im Horizont verliert, liegen mir zu Fuessen, die schneeueberzuckerten Berge ragen in meinem Ruecken auf. Leider hat sich inzwischen eine dichte Wolkendecke vor die Sonne geschoben, sonst waere es hier oben noch prachtvoller; aber dafuer ist es absolut windstill, kein Lueftchen regt sich.
 
Am Fuss des fuenf Meter messenden, hoelzernen Gipfelkreuzes findet sich ein Gipfelbuch verstaut. Ich blaettere durch die Eintragungen und bleibe beim Datum 20. Maerz haengen: Zwei Luxemburger haben an diesem Tag ein Geo-Cache gesucht und auch gefunden! Irgendwo hier am Gipfel ist also eine solche Plastikbox verborgen, die sich mittels Hinweisen im Internet und GPS-Geraet aufspueren laesst. Und die beiden Mitglieder der weltweiten, bestaendig anwachsenden Geo-Cache-Fangemeinde haben ihre computer- und satellitengestuetzte Schnitzeljagd damals am 20. Maerz erfolgreich abgeschlossen – klar, dass sie aus diesem Anlass grosszuegig „Bisous Luxembourgeois“ verteilen! Und sie haben auch gewusst, dass sie hier am „Croix des Autrichiens“ standen, am „Kreuz der Oesterreicher“. Zwar ist das jetzige Gipfelkreuz mit einem Hubschrauber der unten in Calvi stationierten Fremdenlegion auf den Capu di a Veta transportiert worden, aber seinen blechernen Vorgaenger hat Willi Doderer noch selber auf dem Ruecken heraufgeschleppt.
 
Es wird Zeit fuer den Abstieg, ich mache mich auf die Suche nach der Route Nr. 2. Bloss, aus der Beschreibung werde ich nicht schlau, ich probiere ein paar Wege, die sich aber alle als Sackgassen erweisen, Geroell und steiles Gelaende stoppen meine Vorstoesse. Sogar zu tropfen beginnt es jetzt, aus kompakt grauem Himmel. Irgendwann finde ich mich dann doch auf gangbarem Weg abwaerts, der sich jedoch alsbald als dieselbe Route wie beim Aufstieg entpuppt. Sei’s drum, ich folge ihm bis zum Beginn der Strasse, wo auch jetzt immer noch kein wandererfeindlicher Grundstuecksbesitzer lauert, und entspanne mich anschliessend im „Stoerrischen Esel“ bei einem Glas korsischen Weins.
 
Ein paar Tage spaeter werde ich zusammen mit Hansjoerg Klotz nochmals den Capu di a Veta besteigen, ueber die Route, die ich beim ersten Mal nicht gefunden habe. Und es wird mir voellig unverstaendlich sein, wie ich sie hatte uebersehen koennen – vielleicht war die Fuelle der Eindruecke dafuer verantwortlich, an diesem meinem ersten Tag auf Korsika, in Calvi und im ‚Stoerrischen Esel‘.

Harald Steiner

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