GASTFREUNDSCHAFT, groß geschrieben

März 18, 2009 No Comments »

Fast jedes Jahr besuche ich mit meiner Familie das Feriendorf „Zum Störrischen Esel“ in Calvi. Ich bin in Korsika aber auch zu Fuß und mit dem Fahrrad als Camper allein unterwegs. Über die Gastfreundschaft der Korsen wird in den Reiseführern eher weniger berichtet. Das, in den Touristendestinationen von den meisten Gästen gewünschte und erwartete „Keep smiling“ steht hier im Gegensatz zu den eher herben Umgangsformen der „eingeborenen“ Korsen. Umso bemerkenswerter sind zwei meiner Erlebnisse, von welchen ich annehme, dass sie es Wert sind, erzählt zu werden.

An einem heißen Julitag erreichte ich, nach einer kraftraubenden Auffahrt, ein kleines, weltabgeschiedenes Bergdorf in der Castagniccia. Es war um die Mittagszeit und als ich einem kleinen Tante-Emma-Laden ansichtig wurde, meldeten sich wehement Hunger und Durst. Leider war es die Zeit der mittäglichen Siesta und der Laden hatte geschlossen. Da ich aus einem Fenster im Obergeschoß Stimmen vernahm, rief ich ein lautes „Bonjour“ in die Richtung derselben, worauf sich eine ältere Frau am Fenster zeigte. Als sprachlich Unkundiger zeigte ich auf die verschlossene Ladentür und versuchte in Gebärdensprache auf meinen Hunger aufmerksam zu machen. Und wirklich, nach einiger Zeit öffnete die Frau die Tür des Ladens. Aus dem spärlichen Angebot stellte ich ein Mittagsmenü zusammen: Käse, Tomaten, Obst, eine Dose lauwarmes Bier und in Ermangelung von Brot, eine Packung Kekse. Als alles in einem Plastiksackerl verstaut war  und die Frau keine Anstalten machte, die Kosten bekannt zu geben, entnahm ich meiner Geldbörse einen Geldschein und tat damit, in umissverständlicherweise kund, dass ich bezahlen  wollte. Die ärmlich, in schwarz gekleidete Frau schüttelte den Kopf und lehnte die Bezahlung ab. Hungrig, verschwitzt und spärlich bekleidet, in der Hitze der Siestazeit radelnd, hat sie mich wahrscheinlich ärmer als sich selbst eingeschätzt. Tief beschämt, ob dieser ungewollten Gastfreundschaft habe ich beim nahen Dorfbrunnen meine Mittagsrast gehalten.

Ein weites, ähnliches Erlebnis zeugt ebenfalls von dieser, nicht alltäglichen Gastfreundschaft der Korsen. Wohl wissend, dass es genügend Brunnen mit bestem Trinkwasser in den Bergen Korsikas gibt, habe ich auf meinen Radtouren oft nur wenig Wasser dabei. Als Ausnahme von dieser Tatsache, war einmal mein Wasservorrat zur Neige gegangen. Da mich großer Durst plagte, ersuchte ich einen Korsen, der gerade seinen Garten bewässerte, um ein wenig Trinkwasser, indem ich auf meine leere Wasserflasche deutete. Wortlos verschwand der Mann im Haus und kam nicht wieder. Enttäuscht stieg ich, nach einiger Zeit des Wartens aufs Rad und wollte schon weiterfahren, als der Mann mit einer Flasche Wein in der Hand aus dem Haus trat und mir deutete, näher zu kommen. Kurzum, gemeinsam tranken wir die Flasche Rosewein aus. Leicht illuminiert versicherte ich ihm wiederholte Male wie schön ich sein Land und wie nett ich die Korsen finde. Er wiederum fand es gut, dass ich aus Autriche und nicht aus France kam. Mir kam die Gastfreundschaft mit Wein statt Wasser ein wenig ungelegen. Mein geplantes Ziel habe ich an diesem Tag nicht erreicht. Leicht beschwipst fuhr ich nur wenige Kilometer weiter und stellte bei erster Gelegenheit mein Zelt auf.

Geschichte von Herrn Schnutt aus Judenburg

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