Geschichten zur Geschichte

Januar 9, 2009 No Comments »

Teil 3 – Abreise vor 30 Jahren

Der Abschied aus dem Feriendorf „Störrischer Esel“ und von der Insel Korsika ist für viele, vor allem aber für die „Korsikaner“ immer wieder sehr mühsam. Daran hat sich in den letzten 32 Jahren nichts geändert. Im Gegenteil ! Natürlich hat sich das Leben im Dorf den Zeiten und den Wünschen der Gäste angepasst, doch die familiäre Atmosphäre ist geblieben. Und sie bleibt hoffentlich solange, solange es mir gegönnt ist, meine Urlaube in Korsika zu verbringen. Ich bin in dieser Beziehung ein Egoist !

Die Abreise war natürlich vor 30 Jahren etwas anders.

Das ausgelassene Fest und der Übermut am Abschiedsabend, man könnte es als Galgenhumor bezeichnen, weicht am Abfahrtstag einer gedrückten, bei manchen sogar einer depressiven Stimmung. Wir warten mit unserem Gepäck lustlos auf die Autobusse, die uns zum Hafen bringen sollen. Die Überraschung ist schließlich groß, dass viele Mitarbeiter des Feriendorfes, aber auch Gäste, die noch bleiben dürfen, mit in die Busse einsteigen. Das erleichtert natürlich den Abschied ein wenig. Am Hafen angekommen stehen wir verloren zwischen unseren Koffern und erwarten die Ankunft der Fähre. Sie kommt und unsere Nachfolger als Urlaubsgäste steigen aus. Mir kommen alle sehr blass vor ! War es das schlechte Wetter in der Heimat oder eine stürmische Überfahrt ? Wir gehen an Bord und alle sind sehr höflich. Jeder lässt dem anderen den Vortritt, um noch ein wenig mehr Zeit korsischen Boden unter den Füßen zu haben. Oben drängen sich alle an die Reling. Unten knieen sich unsere Begleiter nieder, heben die Hände und beugen ihre Oberkörper zur Erde. Sie beten um eine gute Überfahrt und empfehlen uns, verbliebenes französisches Kleingeld hinunterzuwerfen, um das Gewicht auf dem Schiff zu verringern. Nun beginnen ca. 200 Personen zu singen – Viva la Corse – und was uns sonst noch einfällt. Es wird gegrölt was die Stimmen hergeben, bis einer nach dem anderen heiser ausfällt. Plötzlich hat jemand die Idee, eine Rolle Toilettenpapier vom Schiff zu werfen, wobei er ein Ende in der Hand behält. Innerhalb weniger Minuten fliegen dutzende Rollen Richtung Hafen und es schaut gewaltig aus. Beim Ablegen der Fähre werden die Papier-fahnen auf beiden Seiten solange wie möglich gehalten. Es ist ein eindrucksvolles Bild. Jetzt folgt die größte Überraschung: der Lagerleiter und ein Sportreferent nehmen Anlauf und springen uns nach in das Hafenbecken. Tosender Applaus vom Schiff. Anschließend lösen sich die Gruppen auf und jeder verschwindet in irgendeiner Ecke. Manche haben feuchte Augen und bis Nizza wird kaum ein Wort gesprochen.

Nachtrag: Nach dieser Vorstellung wurde der Sprung ins Hafenbecken aus Sicherheitsgründen von der Hafenbehörde verboten. Während der gesamten 5stündigen Überfahrt gab es auf keiner Toilette mehr auch nur ein einziges Stück Papier! Es hat Spaß gemacht!

Viva la Corse                                                         Hans Orlik

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