Wanderführerin entdeckt Publikum

November 24, 2008 No Comments »

Wenn ich jetzt, Mitte Oktober, noch ganz frisch also, ein Rückblick auf meine Saison beim Störrischen Esel wage, dann bin ich zunächst überrascht gewesen von der Verschiedenartigkeit des Publikums im Laufe der Saison. Da gibt es zunächst die „Entdecker“ der Vorsaison, die die Insel unerschüttlich lieben (oder lieben lernen) selbst wenn gelegentlich einige kühle Winde wehen oder gar eine dunkle Wolke aufzieht. Sie geniessen die Ruhe und Beschaulichkeit der „Ruhe vor dem Sturm“ und schätzen die frischen Temperaturen um tolle Touren in Küstennähe kennenzulernen, die schon bald wegen der zunehmenden Wärme zu anstrengend werden. Dann gibt es wenig später die „Kenner“, die anreisen, wenn sanfte Maitemperaturen herrschen und die Macchiablüte in voller Pracht steht. Leichten Herzens verzichten auch diese Gäste auf ausgedehnte Meerbäder, um in der Bewunderung der üppig leuchtenden Pracht ihr volles Glück zu finden. Die Jacken können meist schon im Schrank bleiben und die lauen Abende vor der Spelunca und der Bergerie gehören zu den unauslöschlichen Urlaubserinnerungen. Langsam beginnen nun die „Familien“ einzutreffen, denen die Schulferien der Kinder die Reisezeit diktieren. Das Feriendorf brodelt. Überall quirlen Jugendliche und Kinder, die im Handumdrehen einen Haufen Freunde gefunden haben. Es herrscht Stimmung. Nun sind die Temperaturen schon so warm und bisweilen heiß, dass wir Wanderführer einige Touren umarbeiten oder momentan ganz aus dem Programm nehmen müssen. Unsere Rolle ist es, dem Gast die herrlichsten Seiten der Insel zu zeigen und was liegt da näher, als nun nahezu jede Tour mit einem erfrischenden Flussbad enden zu lassen? Wenn sich das nicht anbietet, so ist doch immerhin jeden Nachmittag ausgiebig Zeit zum Baden im Meer. Leider können wir die Murmeltiere unter den Gästen nicht mit diesen Touren locken, aber die Teilnehmer der Touren danken uns den frühmorgendlichen Aufbruch allemal. Zu meinem großen Bedauern ist es sehr schwer, Familien für Wanderungen zu motivieren. Der Strand und das „Dolce far niente“ (das süße Nichtstun) sind große „Konkurrenz“ für uns Wanderführer. Am Ende des Sommers habe ich diesen ganz spezifischen Erholungsbedarf verstanden: Warum die Kinder zu Aktivitäten treiben, wo sie glücklich am Strand rumtoben und ausgelassen im Meer spielen? Zuhause gibt es genug Zwänge. Auch Freizeittermine. Hier dagegen ist Urlaub. Und Urlaub ist nicht nur Wandern und aktiv sein. Urlaub ist auch einfach ausruhen und faul sein. In der Nachsaison kommen viele „junggebliebene Senioren“ zu uns. Die Touren stoßen auf viel Interesse und gelegentlich kommt es sogar vor, dass wir von einer Tour abraten müssen. Die Stimmung ist familiär und angeregt. Das Interesse an Hintergründen zu Inselthemen und Insiderinfos ist groß. Das Meer lädt noch zum Baden ein und die Temperaturen sind milde. Ein erneuter Publikumswechsel ist übrigens in der letzten Woche zu beobachten. Deutlich verjüngt geben sich nochmals ausdauernde Läufer ein Stelldichein und die vielen Touren werden gut angenommen. Nun ist schon der 12. Oktober und das Feriendorf schließt seine Pforten. Die Saison war ereignisreich, das Wetter hat ab Juli bis zum Ende gut gehalten und keine größeren Verletzungen sind zu beklagen. Ich sende an dieser Stelle herzliche Genesungswünsche an den Architekten des Münchner Studentenwohnheims „Roncalli-Kolleg“, der während seines Urlaubs hier schwer erkrankte. Meine besten Genesungswünsche gehen auch an Albert, meinen Kollegen aus der Animation, der mit angeschlagener Gesundheit die Saison zu Ende brachte. Ach, und bevor ich es vergesse: Was haben die Gäste an mir entdeckt? Ich hoffe jemanden, der ihnen Korsika näher gebracht hat und aufgrund der eigenen, 12-jährigen Inselerfahrung viele Fragen beantworten konnte. Vergesst mir nicht zu schnell den Erdbeerbaum, die Steineiche, den Mastixstrauch und die Immortelle. Auch nicht den Fischadler, die Mufflons und den Bartgeier. Die Düfte und die Farben. Und nicht die Korsen, die ihre strukturschwache Insel so unglaublich schön erhalten haben. Fast so, als wäre es nur für uns…
Julia Kühling

Related Posts

Leave a Reply