1992 im „Störrischen Esel“

Januar 14, 2009 No Comments »

Juli – Schulferien – Korsika
Im Feriendorf zum „Störrischen Esel“ in Calvi herrscht Hochbetrieb. 19.30 Uhr – Essenszeit. Ganz im Hintergrund des Gartens, unter den Schatten spendenden Pinien, haben wir einen freien Tisch erspäht. „Oma – besetz’ den Tisch – ich hole die Servietten und das Besteck!“ Und weg ist er. Kommt gleich darauf mit allem zurück: zwei Deckservietten, zwei Papierservietten, zwei Löffel, zwei Messer, zwei Gabeln, und zwei Dessertlöffel. Und ist schon wieder weg. Noch während ich dabei bin, den Tisch zu decken ist er auch schon wieder da, beladen mit einem grossen Teller voll Nachtisch – Kuchen – Pudding – Eiscreme –
„Hoi – Martin – holscht wieder zerscht dr Nôchtisch?“ Er hat schon den Mund voll und kann mir nur nickend antworten. Ferien – es sind Ferien – und da darf der Martin meinetwegen zuerst den Nachtisch essen wenn ihn das freut. Und wie ihn das freut!
Anschliessend kommt dann doch noch ein wenig Hauptspeise. Wir sind den dritten Tag hier und dem 9-jährigen Martin gefällt es. Aller Unkenrufe der Daheimgebliebenen zum Trotz: „du wirst keine Sekunde Ruhe haben – der Bub löchert dich den ganzen Tag – du wirst nach drei Tagen nicht wissen, wo dir der Kopf steht“ , –  uns geht es gut! Ich habe viel mehr Ruhe als daheim – Martin ist beschäftigt, am Wasser, im Wasser, am Strand – im Sand – ich merke ihn kaum – . Mittlerweile bin auch ich beim Nachtisch angelangt.
Martin hat nochmals Eis geholt. Löffelt ruhig vor sich hin. Auf einmal sagt er: „Oma, die nette Frau dort am Tisch ist ganz allein – die könnte sich doch zu uns an den Tisch setzen – dann wäre sie nicht mehr so allein – darf ich sie fragen, ob sie das will ?“ Ich schaue zum Nebentisch. Ja, dort sitzt ganz alleine eine Dame mittleren Alters. Lächelt in unsere Richtung und wir grüssen. „Frag sie“, sage ich zu Martin und schon steht er vor ihr. „Wollen Sie sich nicht zu uns setzen – dann sind Sie nicht mehr so allein“. Sie schaut mich fragend an und ich mache eine einladende Handbewegung. Martin hilft der Dame, er trägt Wasserflasche und Glas an unseren Tisch. Wir machen uns bekannt. „Ich heisse Ruth Botzenhard und komme aus Wilhelmsdorf bei Ravensburg“, sagt sie. „Und das ist meine Oma und die heisst Jytte Dünser und ich heisse Martin und wir sind aus Vorarlberg.“ Da war der Martin wieder mal schneller als die Oma. Wir lachen. Frau Botzenhard und ich trinken nach dem Essen noch ein Glas Wein. Ein gemütlicher Abend.
Dieser Abend war der Anfang einer jahrelangen Freundschaft.
Ruth und ich haben viele gemeinsame Urlaube im „Störrischen Esel“ verbracht. Ich bin oft zu ihr nach Wilhelmsdorf gefahren und sie hat mich in Vorarlberg besucht. Ihre Freunde wurden meine Freunde und meine Freunde die ihrigen. Es war eine innige Beziehung. Zwei Tage vor ihrem Tod habe ich sie, zusammen mit unserem gemeinsamen Künstlerfreund Wolfgang Tschallener, im Ulmer Klinikum besucht. Krebs im Endstaduim. Wir wussten es alle drei – es ist das letzte mal, dass wir uns sehen. Ein schmerzvoller Abschied.
Und trotzdem strahlte sie Freude aus, als sie sagte: „Grüss mir den „Störrischen Esel“.

Jytte Dünser

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